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Das Verzeichnis der Verdammten: Was der Henker von Rieneck niemals hätte preisgeben dürfen.

Writer: Martin Zeitenwacht
Martin Zeitenwacht
Jul 6
3 min read

Das Pergament unter meinen Fingern fühlte sich nicht an wie gegerbte Haut. Es fühlte sich an wie das flachgedrückte, getrocknete Leid tausender Seelen. Ich fuhr mit dem Daumen über die Kante des Einbands aus schwerem, rissigem Leder – kalt, feucht, abstoßend.


Die Luft hier unten, tief im Fundament der Burg Rieneck, schmeckte nach altem Eisen und der Süße von verwestem Öl, das aus den Fackeln an den feuchten Wänden tropfte. Draußen mochte der Sommer über dem Spessart blühen; hier unten herrschte ewiger Winter, eine Starre, die aus dem Gestein kroch und direkt in die Knochen biss.


Das Urteilsbuch lag vor mir auf dem schmierigen Holztisch, ein Ungetüm aus Schweinsleder und Eisenbeschlägen. Als ich den schweren Riegel zurückschob, ächzte das Metall, ein Geräusch wie das Brechen eines Schienbeins. Ich schlug es auf.


Der Gestank schlug mir entgegen – eine Mischung aus modriger Erde und etwas anderem, etwas Stechendem, das mich an den Geruch von Ozon erinnerte, kurz bevor ein Blitz einschlägt.


Dies war keine Chronik von Dieben oder Mördern. Hier standen keine Namen, die auf dem Marktplatz verlesen wurden. Die Tinte war nicht schwarz. Sie war tiefrot, fast schwarz oxidiert, und jeder Buchstabe wirkte, als wäre er in einer Art Krampf in das Pergament geritzt worden.


„Hier endet das Protokoll der Stummen“, las ich, meine eigene Stimme hallte in der Dunkelheit wider, ein heiseres Flüstern.


Ich blätterte weiter. Die Namen kamen mir vage bekannt vor. Ein Handelsreisender, der 1422 den Hof verlassen hatte, um in Würzburg Waren zu verkaufen. Ein Knappe, der bei einer Jagd im Dickicht verschwunden war. Eine Magd, die angeblich in die Klöster des Südens geflohen war. Sie alle waren hier verzeichnet.


Daneben, in einer säuberlichen, beinahe pedantischen Handschrift, standen die Orte. Nicht ‚Gefängnis‘ oder ‚Schafott‘. Da stand: ‚Abgeführt in den bleichen Winkel‘. ‚Versiegelt unter dem Bergfried‘. ‚Dem Echo übergeben‘.


Der Henker von Rieneck, dieser wortkarge Bastard, von dem die Leute sagten, er hätte seine Zunge an einen Dämon verfüttert, war kein Diener der Gerechtigkeit gewesen. Er war der Verwalter eines Prozesses, der niemals in einem Gerichtssaal stattfand. Der ‚Schatten-Prozess‘.


Er hatte sie nicht hingerichtet. Er hatte sie verarbeitet.


Ich hielt inne. Mein Finger blieb an einer Seite hängen, die sich von den anderen unterschied. Sie war von einer dünnen Schicht Wachs überzogen, als wollte jemand verhindern, dass das, was darauf stand, wieder an die Oberfläche gelangte. Ich kratzte den Belag mit dem Fingernagel ab.


Dort stand ein Name, den ich nur zu gut kannte. Er stand in einer anderen Schrift, kursiver, wilder. Der Name meines Großvaters. Und daneben die Zeichnung eines Siegels, das ich erst letzte Woche im Archiv der Zeitenwacht hinter einem losen Stein verborgen gefunden hatte.


Die Stille des Verlieses wurde plötzlich unerträglich laut. Ich hörte nicht mehr das Tropfen des Öls. Ich hörte das Kratzen von Fingernägeln gegen Stein.


Draußen, hinter der schweren Eisentür, die in den Korridor führte, schleifte etwas über den Boden. Es war ein rhythmisches Geräusch.


Schleif, Pause, Schleif.


Das Buch unter meinen Händen begann zu vibrieren. Das Pergament wurde warm, eine unnatürliche, pulsierende Hitze, die mich zwang, meine Finger zurückzuziehen. Ich starrte auf die letzte leere Seite des Buches. Während ich zusah, bildete sich eine neue Zeile. Die Tinte sickerte aus dem Nichts hervor, dunkle, rote Tropfen, die sich zu Buchstaben formten:


‚Der Wächter hat die Schwelle überschritten. Die Uhr von Rieneck schlägt nun für den, der liest.‘


Vom Turm über mir ertönte ein Schlag. Es war weit nach Mitternacht, doch die Glocke klang nicht wie Metall auf Metall. Sie klang wie ein Schrei, der mitten im Hals stecken geblieben war.


Ich löschte die Fackel. Die Dunkelheit verschlang mich nicht nur, sie drückte mich gegen den Tisch. Und dann, aus der Schwärze des Raumes, direkt hinter meinem Ohr, vernahm ich eine Stimme, die so trocken war wie der Staub der Jahrhunderte:


„Du hättest nicht blättern dürfen. Die Zeitenwacht hat ihren letzten Wächter verloren – jetzt brauchen sie einen neuen Scharfrichter.“


Die Tür begann sich zu öffnen. Ein kaltes Licht, das nicht von dieser Welt war, drang durch den Spalt und beleuchtete ein altes, rostiges Beil, das langsam, ganz langsam, in die Zelle geschoben wurde.


Das Licht verblasste, die Finsternis kehrte zurück und mit ihr die Stille – doch sie ist trügerisch. Das Urteilsbuch hat seine ersten Seiten preisgegeben, doch die wahren Abgründe der Burg Rieneck liegen noch tief unter dem Fundament verborgen. Die Chronik endet hier, doch der Schatten wächst weiter.


Wer dem Ruf der Geschichte folgen will, dem sei gesagt: Diese Reise durch die Zeitenwacht verlangt ihren Tribut. Wenn ihr dazu beitragen wollt, das Licht in den dunklen Archiven zu halten und die verrosteten Siegel dieser Welt weiter zu brechen, so reicht eine Gabe Jeder Obolus ist ein Tropfen Öl für die Fackeln, die uns den Weg durch die Schatten weisen.


Die nächste Seite wird bald aufgeschlagen. Die Zeitenwacht vergisst nicht – und der Henker wartet bereits auf den nächsten Zeugen

 
 
 

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